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Medizinstudium: Pflichttertial Allgemeinmedizin?

Die Diskussion um ein PJ-Pflichttertial für Allgemeinmedizin geht weiter.
Zurzeit sieht das PJ drei Tertiale vor, von denen eines in der Inneren Medizin und eines in der Chirurgie absolviert werden muss. Das dritte Tertial können die Studierenden bisher aus 33 Fächern selbst auswählen. Diese eigenständige Wahl gilt als ein besonders wichtiger Schritt bei der Entscheidung für die spätere Fachrichtung: Die angehenden MedizinerInnen können oft nur in diesem Abschnitt des Studiums eine echte Vorstellung von der späteren Tätigkeit bekommen – von Augenheilkunde bis Urologie.
Mit der Novelle des ÄApprO haben Gesundheitspolitikern gefordert, im PJ ein weiteres Pflichttertial einzuführen: die Allgemeinmedizin. Damit soll dem für die nächsten Jahre befürchteten Hausärztemangel entgegengewirkt werden.

„PULS.“ hatte bereits mehrfach darüber berichtet: Studierendenvertreter des Hartmannbundes, des Marburger Bundes und der Bundesvertretung der Bundesvertretung der Medizinstudierenden stehen diesem Vorschlag ablehnend gegenüber.
Jetzt haben auch die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) und die Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin ein Positionspapier zur Ersten Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte veröffentlicht.
Der Tenor des Positionspapiers ist: Statt eines verpflichtenden Tertials in der Allgemeinmedizin soll ein Pflicht-Quartal eingeführt werden. Die Idee dahinter: Statt der bisher drei Tertialen gibt es dann im PJ künftig vier Quartale. Je ein Quartal in der Inneren Medizin, der Chirurgie und der Allgemeinmedizin wären Pflicht, zusätzlich bleibt ein viertes Quartal, in dem weiterhin frei gewählt werden kann.
Die zentralen Forderungen der DEGAM sind:

  1. „Eine stärkere Gewichtung der Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr wird von der DEGAM und der GHA ausdrücklich begrüßt und für notwendig erachtet.
  2. Abweichend vom Beschluss des Gesundheitsausschusses des Bundesrats vom 15.02.2012 sollte jedoch kein Pflichttertial, sondern – mit der entsprechend vorgesehenen Übergangsfrist – die Etablierung eines Pflichtquartals in der Allgemeinmedizin erfolgen.
  3. Ebenfalls abweichend vom Beschluss des Gesundheitsausschusses des Bundesrats vom 15.02.2012 zu Artikel 1 Nummer 7 (§ 15 Überschrift und Absatz 1 Satz 5 ÄApprO) müssen Prüfungen im Fach Allgemeinmedizin durch qualifizierte Fachärzte aus dem geprüften Fachgebiet abgenommen werden.“ (Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) und der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin zur Ersten Verordnung zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte).

Herr Prof. Dr. Gerlach, der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität, sagte dazu in seiner Funktion als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin im Gespräch mit der FAZ:
“Im übrigen Europa hat die Ausbildung in der Allgemeinmedizin ungleich stärkeres Gewicht, diesen Entwicklungsrückstand gilt es aufzuholen“. “Die Studenten werden in hochspezialisierten Universitätskliniken ausgebildet, die rund 0,5 Prozent der Patienten in Deutschland versorgen. Ihr späterer Arbeitsalltag sieht indes ganz anders aus. Sie sollten die Gelegenheit erhalten, dies konkret zu erfahren.”
Er wünscht sich, wie auch alle anderen Vertreter seines Faches, eine Stärkung der Allgemeinmedizin. Aber nicht in der der zurzeit von den politischen Gremien favorisierten Form eines Zwangstertials, sondern wie von der DEGAM vorgeschlagen mit einer schrittweisen größeren Neustrukturierung des PJ.“ (FAZ: „Geplante Studienreform: Eine Zwangsjacke für Medizinstudenten“)

Die Entscheidung für die endgültige Fassung der neuen ÄApprO wird in den nächsten Wochen fallen. „PULS.“ wird weiter darüber berichten.

Bettina Wurche

 

Lesen Sie dazu mehr:

„Diskussion zur Novelle der AO („PULS.“)

„Medizinstudium: Aktuelle Entwicklungen zur AO-Novelle“

1 Kommentar

  1. Man muss sich mal ernsthaft fragen warum es zu sogenannten „Nachwuchsproblemen“ in der Allgemeinmedizin gekommen ist und wieso der Beruf des Hausarztes so unattraktiv geworden ist.

    Durch den Wegfall des “praktischen Arztes” (seit 2003) hat man mehr Probleme geschaffen als zuvor beabsichtigt.
    Es ist einfach unglaublich, da bilden sich Gremien, Ausschüsse und versierte Kreise aus unterschiedlichen “Spezialisten” zusammen und kriegen es dennoch nicht auf die Reihe die Probleme aus der Welt zu schaffen, schließlich gibt es die Medizin ja nicht erst seit vorgestern…

    Tja, vielleicht war das ja etwas zu viel des Guten an Spezialisierung.

    Spezialisierung bedeutet aber immer eine spezifische Aus- und Weiterbildung in sog. Zentren und die gibt es nicht in ländlichen Regionen, sondern in Ballungszentren oder städtischen Gebieten, wo es sowieso viel zu viele Fachärzte gibt.

    Insofern begrüße ich die Ideen von Herrn Prof. Dr. Gerlach.
    Die ganzen Maßnahmen, wie jetzt z.B. die Stärkung der Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr, sind erste vernünftige Schritte.

    Nebenbei sollte man aber auch an die Wiedereinführung des praktischen Arztes denken, oder etwas gleichwertiges.

    Zum Weiterlesen… Drohender Landarztmangel: Einmaliges Projekt in Hessen

    FRANKFURT/FULDA.
    Mit einem in Hessen einmaligen Projekt sollen Medizinstudenten für die Arbeit als Landarzt begeistert werden. Derzeit lernen 16 Studenten der Uni Frankfurt den Job beim Einsatz in sechs Praxen im Landkreis Fulda näher kennen. Das Projekt wird getragen von der Goethe-Universität Frankfurt, dem Landkreis Fulda und dem Gesundheitsnetz Osthessen. Den ländlichen Regionen Hessens droht ein Ärztemangel. 2010 und 2011 wurden in Hessen insgesamt 60 Hausarztpraxen geschlossen, weil sich keine Nachfolger fanden. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen erwartet, dass 1800 Hausärzte bis zum Jahr 2020 in Ruhestand gehen.

    Quelle: Darmstädter Echo vom 10. März 2012
    http://www.echo-online.de/region/rhein-main/Drohender-Landarztmangel-Einmaliges-Projekt-in-Hessen;art7943,2697108