Artikelformat

Geschenke und Lehrveranstaltungen: Pharma-Vertreter auf dem Campus

Medizin ist ein besonderes Studienfach. Viele der Absolventen können nach dem Studium ein gutes Einkommen erwarten, viele werden irgendwann eine eigene Praxis eröffnen. Das macht schon die Studierenden zu attraktiven Zielen für Pharmakonzerne.
Prof. Dr. Klaus Lieb (Universitätsmedizin Mainz) und Cora Koch (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) haben jetzt eine Studie publiziert, wie die Fachbereiche und Studierenden diese Situation einschätzen und wie sie damit umgehen: „Interessenkonflikte im Medizinstudium. Fehlende Regulierung und hoher Informationsbedarf bei Studierenden an den meisten deutschen Universitäten.“ (GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung 2014, Vol. 31(1), ISSN 1860-3572).

Zwei Fragen standen im Vordergrund:
1. Existieren an medizinischen Fakultäten Regelungen zum Umgang von Medizinstudierenden mit Vertretern von PU und werden entsprechende Lehrveranstaltungen angeboten und besucht?

2. Wie denken Medizinstudierende über die Rolle von Pharmazeutischen Unternehmen in der medizinischen Lehre?

Lieb und Koch haben dazu alle 36 deutschen Studiendekanate und zusätzlich 1.151 Medizinstudierende an acht deutschen Universitäten angeschrieben und sie um die Beantwortung eines Fragebogens mit 4 bzw. 7 Fragen gebeten. 30 (83,3%) Studiendekane und 1.038 (90,3%) Medizinstudierende haben den Fragebogen beantwortet und zurückgesendet.
Das Resultat:
An jeweils nur einer medizinischen Fakultät (3,3%)  gibt es eine Richtlinie zum Thema Interessenskonflikte bzw. eine Richtlinie, die den Umgang zwischen Medizinstudierenden und der Industrie reguliert.
Dabei waren 8 der Studiendekanate (26,7%) an der Erarbeitung einer Richtlinie oder Vorlesung zu diesem Thema interessiert.
149 (14,4%) der Studierenden hatten bereits an einer Veranstaltung teilgenommen, die die Beziehungen zwischen Pharmazeutischen Unternehmen und Medizinstudierenden thematisiert und 779 (77,8%) wünschten sich mehr Unterricht dazu. Immerhin 701 (73,4%) lehnten eine Verbesserung der Lehre durch finanzielle Unterstützung durch Pharmazeutische Unternehmen ab und nur 216 (21,9%) waren der Meinung, dass Studierende sich gar nicht mit Pharma-Vertretern treffen sollten.
Das bedeutet, dass sowohl die Studiendekanate als auch die Mehrheit der Medizinstudierenden sich der Problematik dieses Themas sehr wohl bewusst sind. Darum wünschen sie sich Richtlinien bzw. Unterrichtsveranstaltungen zur Regelung des Umgangs von Medizinstudierenden mit pharmazeutischen Unternehmen.
Die Autoren der Studie halten die Etablierung entsprechender Vorlesungen bzw. Richtlinien für sinnvoll. Sie verweisen dabei auch auf andere Länder wie die USA, wo derartige Richtlinien an vielen Fakultäten bereits bestehen.

Interessant ist, dass die Haltung der Studierenden zur Präsenz von Pharmavertretern auf dem Campus ambivalent ist:
„Bei der Befragung der Studierenden zur Rolle der Pharmazeutischen Unternehmen in der Lehre war auffällig, dass einerseits etwa ¾ der Studierenden der Meinung waren, dass die Finanzierung der Lehre durch Pharmazeutischen Unternehmen keine gute Methode sei, die Lehre zu verbessern, gleichzeitig aber ¾ der Studierenden der Meinung waren, dass Universitäten die Interaktionen von Pharmavertretern und Medizinstudierenden nicht verbieten sollten. Möglicherweise halten die Studierenden objektiv gesehen einen Einfluss von Pharmazeutischen Unternehmen in der Lehre für problematisch, halten sich dagegen subjektiv für in der Lage, die Interaktionen mit den Pharmavertretern so steuern zu können, dass sie glauben nicht beeinflusst zu werden. Dies ist eine typische Konstellation des häufig beschriebenen ‘blinden Flecks’, d.h. die Nicht-Wahrnehmung der eigenen Beeinflussbarkeit, obwohl objektiv die Gefahr der Beeinflussung gesehen wird, und der sowohl bei Studierenden [1], [12] als auch bei Ärzten wiederholt gezeigt wurde [13], [19], [20].“ schreiben Lieb und Koch auf S. 4 ihrer Studie.

Das ist insofern verwunderlich, da mittlerweile längst mehrere Studien existieren, die nahe legen, dass „der Kontakt zwischen Ärzten und Vertretern von PU zu einem veränderten Verschreibungsverhalten führt, da erhöhte Kontakte mit Pharmavertretern mit höheren Verschreibungskosten und einer verminderten Verschreibungsqualität assoziiert sind [14]. Selbst kleine Geschenke können einen Effekt haben, der oft von den Empfängern selbst nicht wahrgenommen wird [15]. Auch bei Studierenden hat sich gezeigt, dass Werbegeschenke die Wahrnehmung von bestimmten Medikamenten beeinflussen können.“ (Lieb, Koch; S. 1 ).

Insgesamt waren viele Studierende an einer Vorlesung über die Interaktionen von Medizinstudierenden und Pharmazeutischen Unternehmen interessiert. Gleichzeitig wussten sie nicht, ob es an ihren Fakultäten entsprechende Regelungen zu diesen seit langem bekannten Interessenskonflikten gibt: 899 (87,8 %) Studierende wussten nicht, ob es an ihrer Fakultät Richtlinien gäbe. 97 (9,5 %) Studierende meinten, dass es an ihrer Fakultät Richtlinien gäbe, sie diese aber nicht kennen würden.
In den USA ist es längst üblich, dass medizinische Fakultäten Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten durch Kontakte mit Pharmazeutischen Unternehmen erstellen. Dabei werden auch die auch die Kontakte zwischen Studierenden und den Pharmazeutischen Unternehmen reguliert [16]. Trotzdem sind diese Richtlinien unter Studierenden oft wenig bekannt und wenig wirksam. Außerdem fühlen die Studierenden sich auf die Interaktionen mit Pharmavertretern offenbar weiterhin schlecht vorbereitet (Lieb, Koch; S. 2 ).

Die Schlussfolgerungen der Autoren:
Die Etablierung entsprechender Vorlesungen bzw. Richtlinien zur Regulierung Interaktionen zwischen Studierenden und Pharmavertretern erscheint sinnvoll.
Gleichzeitig sollte, etwa durch Seminarangebote, das Problembewusstsein der Studierenden im Umgang mit Pharmazeutischen Unternehmen gefördert werden, etwa durch Rollenspiele mit simulierten Vertretern.

Quelle:
„Interessenkonflikte im Medizinstudium. Fehlende Regulierung und hoher Informationsbedarf bei Studierenden an den meisten deutschen Universitäten.“ (GMS Zeitschrift für Medizinische Ausbildung 2014, Vol. 31(1), ISSN 1860-3572).

Dr. Cora Koch hat im Studium ihre Erfahrungen mit Pharmavertretern gemacht und sich daraufhin in dieses Thema eingearbeitet und darüber promoviert. Die Publikation basiert auf Teilen ihrer Promotion.
Sie ist natürlich MEZIS-Mitglied und informiert andere Studierende über den Interessenskonflikt.
MEZIS (Mein Essen zahl ich selbst) ist die Initiative unbestechlicher Ärzte und Ärztinnen.

Kommentare sind geschlossen.