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Medizinstudium: Wahlfach „Evolutionäre klinische Psychologie“

Das Wahlfach ist eine großartige Gelegenheit, in spannende Themen „hereinzuschnuppern“, die eine Ergänzung oder Vertiefung zum regulären Studienangebot bieten.

Aber für welches Wahlfach soll man sich entscheiden?
Die Qual der Wahl…

Als kleine Entscheidungshilfe wird „PULS.“ einzelne Wahlfächer vorstellen.
Heute stellen wir mit einem Interview des Dozenten ein Wahlfach aus dem klinischen Studienabschnitt vor: „Evolutionäre klinische Psychologie“. Der Psychologe und Sprachwissenschaftler Herr Lange leitet diese Lehrveranstaltung im Spannungsfeld von Medizin, Psychologie und Evolutionsbiologie.

Interview mit Herrn Benjamin P. Lange:

„PULS.“: „Herr Lange, Sie sind Psychologe und Sprachwissenschaftler, womit beschäftigen Sie sich hier auf dem Medizin-Campus?“

B. Lange

B. Lange

Hr. Lange: „ Ich bin seit Sommer 2009 an diesem Fachbereich am Schwerpunkt für Phoniatrie und Pädaudiologie und forsche, grob gesagt, an der Fragestellung: „Wie bilden sich unterschiedliche kindliche Sprachfähigkeiten im EEG ab?“

„PULS.“: „Sie bieten das Wahlfach „Evolutionäre klinische Psychologie“ an. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?“
Hr. Lange: „Die evolutionäre Perspektive in der Psychologie berücksichtigt u.a., dass die menschliche Psyche sind in der Steinzeit ausgebildet hat und dem heutigen Leben nicht immer angepasst ist. Die psychische Ausstattung eines Steinzeitmenschen ist mit vielen Aspekten unseres heutigen Lebens einfach überfordert, z. B. mit der Geschwindigkeit, Enge und vor allem der Anonymität in Großstädten.
Dabei steht im Zentrum die Frage, inwieweit Beschwerden immer als Zeichen von Krankheit betrachtet werden sollten. Was ist „gesund“ und was ist „krank“?
Am Beispiel der „Depression“ könnte man fragen: „Ist jedes depressive Syndrom eine Krankheit?“ Manche Symptome können ja durchaus von Vorteil für Psyche und Körper sein. Depressionen bewirken automatisch Rückzug in Situationen, in denen ich diesen Rückzug angesichts von Schwierigkeiten ja gerade brauche, um Gelegenheit zu haben, darüber nachzudenken, wie ich diese Schwierigkeiten beseitige.
Ein anderes Beispiel sind Ängste und Phobien. Es gibt Ängste und Phobien vor Spinnen, Schlangen, Höhe,… aber nicht vor Steckdosen oder Autos. Steckdosen und Autos, obwohl objektiv viel gefährlicher als die meisten Spinnen, gab es einfach noch nicht in der Steinzeit. Viele Phobien, die heutzutage behandelt werden, sind außerdem soziale Phobien. Und die evolutionäre Perspektive kann gut erklären, warum wir so soziale Wesen und daher anfällig für derlei Störungen sind.”

„PULS.“: „Inwiefern können die Studierenden im späteren Arztberuf von diesenKenntnissen profitieren?“
Hr. Lange: „Kenntnisse der Evolutionären klinischen Psychologie können Medizinern aller Fachrichtungen helfen, Patienten und ihre Symptome aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, vor allem denjenigen zukünftigen Medizinern, die sich in Richtung Psychiatrie orientieren wollen.
Vor allem ergibt sich die Chance einer neuen Sichtweise, unabhängig davon, wo später mal der berufliche Schwerpunkt liegt: Ist alles krank, was sich krank anfühlt? Muss ich immer medikamentös behandeln, was vielleicht einem ganz natürlichen Mechanismus entspringt? Vor allem aber ist ja so, dass die Medizin vor allem nach dem “Wie?” fragt, um Krankheit zu beseitigen. Erst der evolutionäre Ansatz fragte konsequent nach dem eigentlichen “Warum?”. Hierin liegt dann die Chance für Prävention und Behandlung von Krankheit. Es gibt bereits evolutionär ausgerichtete Psychotherapien, die sehr gute Ergebnisse erbringen.”

„PULS.“: „Im vergangenen Jahr hatten Sie das Wahlfach „Evolutionäre Medizin“ angeboten. Was verbirgt sich dahinter?“
Hr. Lange: „Die evolutionäre Medizin hat in den 70er Jahren einen ersten kleinen Boom erlebt. Interessanterweise ist die Biologie zwar die Grundlage der Medizin und die Evolutionstheorie Darwins wiederum die Grundlage der Biologie, dennoch ist evolutionäres Denken in der Medizin oft nicht ausgeprägt genug. Die Evolutionäre Medizin postuliert, dass die Evolutionsbiologie eine grundlegende Basis für die Medizin und essentiell für das Verständnis und die Behandlung moderner Erkrankungen ist.
Ein gutes Beispiel dafür ist unser Ernährungsverhalten: Der menschliche Körper ist darauf programmiert, dass Fett, Zucker und Salz Mangelware sind, weil diese Nahrungsbestandteile in der Steinzeit Mangelware waren. Darum haben wir für diese Nahrungsbestandteile keine natürliche „Essbremse“. Da der Mangel nicht mehr gegeben ist, sondern Nahrung in beliebiger Menge zur Verfügung steht, resultieren daraus viele sogenannte Wohlstandskrankheiten wie etwa Übergewicht oder Diabetes mellitus Typ 2.
Die Evolutionäre klinische Psychologie ist sozusagen ein Teilgebiet der Evolutionären Medizin, die sich auf psychische Aspekte konzentriert.”

„PULS.“: “Wie läuft das Seminar ab?”
Hr. Lange: „Das Seminar will in die Evolutionäre Medizin und in die Evolutionäre Psychologie einführen, wobei der Schwerpunkt auf psychischen Erkrankungen liegt. Es ist eine Einladung zum Diskurs. Ich stelle verschiedene Theorien vor und präsentiere dazu aktuelle Studien, die die Theorien unterlegen. Diskussion ist dabei immer möglich und erwünscht. Es geht also um die wissenschaftliche Diskussion wissenschaftlicher Datensätze und Theorien.”

„PULS.“: “Sind in Ihrem Seminar noch Plätze frei?”
Hr. Lange: „Ja, es gibt noch freie Plätze. Über frühzeitige Anmeldungen freue ich mich aber immer, da ich dann organisatorisch besser planen kann. Alle wichtigen Informationen finden sich im Vorlesungsverzeichnis und in der Seminar-Beschreibung.

“PULS.” bedankt sich für das Gespräch.

Bettina Wurche

Bei Interesse können Sie gern mit Herrn Lange direkt Kontakt aufnehmen:

Benjamin P. Lange
Klinikum der Goethe-Universität, Schwerpunkt für Phoniatrie und Pädaudiologie
Theodor-Stern-Kai 7, Haus 7A, D-60590 Frankfurt/M
Tel.: 069 6301 83731

benlange@em.uni-frankfurt.de
http://www.kgu.de/index.php?id=4274

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