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Interview: „Landpartie“ für Studierende der Allgemeinmedizin (Teil 1)

Wie lebt und praktiziert es sich als Landarzt?
Mit dem Projekt „Landpartie“ können Studierende einen Einblick die Tätigkeit eines Landarztes bekommen. Das Institut für Allgemeinmedizin unseres Fachbereichs und Lokalpolitiker wollen mit diesem neuen Konzept dem drohenden Mangel an Hausärzten in ländlichen Gebieten entgegenwirken.
Das Konzept scheint aufzugehen – die Studierenden finden die “Landpartie” gut.

Im Interview erzählt Herr Dr. Schäfer, was die „Landpartie“ zu bieten hat, was der  „kollegiale Vertretungsdienst“ ist und wie es in einer Landarztpraxis heute zugeht. Und warum er immer noch gern als Hausarzt in einer ländlichen Region praktiziert.

Interview mit Herrn Dr. Hans-Michael Schäfer (Leiter des Arbeitsbereichs Lehre, Institut für Allgemeinmedizin) (Teil 1)

„PULS.“: „Herr Dr. Schäfer, Sie sind Arzt für Allgemeinmedizin. Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?“
H.-M. S.: „Die ganzheitliche Sichtweise der Allgemeinmedizin ist für mich besonders wichtig: Hausärzte schauen immer den ganzen Menschen an, und nicht nur die einzelnen Symptome und Körperteile. Da etwa 50 % aller Krankheiten psychische Mitursachen haben, betrachten wir immer auch die Psyche mit. Seelische Probleme spielen in unserem Beruf eine immer größere Rolle: Hausärzte sind heute Ansprechpartner für fast alles, wir haben oft gleichzeitig eine Seelsorgefunktion. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man die Patienten – oft auch ganze Familien – über Jahre hinweg betreut und ihre Biographien kennen lernt. So entsteht ein sehr persönliches und langjähriges Verhältnis. Die Tätigkeit als Hausarzt ist eine sehr befriedigende Arbeit.“

„PULS.“: „Sie sind sehr engagiert in der Lehre und haben in der letzten Zeit einige neue Konzepte erarbeitet, um Studierende für das Fach „Allgemeinmedizin“ zu begeistern. Warum hat die Allgemeinmedizin diese zentrale Bedeutung?“
H.-M. S.: „Wir möchten natürlich insgesamt mehr junge Mediziner für das Fach  Allgemeinmedizin und die Tätigkeit als Hausärzte ermutigen und motivieren.
Hausärzte sind Gesundheitslotsen. Das bedeutet, dass sie die ersten Ansprechpartner für alle Beschwerden von der Erkältung bis zu schwerwiegenden Erkrankungen sind. Sie leiten die Patienten bei Bedarf an die Fachärzte weiter und koordinieren dann die Behandlung. Oft führen sie die von Fachärzten eingeleiteten Behandlungen oder Medikationen fort und koordinieren den Einsatz der oft vielfältigen Medikamente und auch diagnostischer Maßnahmen.
Die Landärzte sind dann innerhalb der Hausärzte noch einmal eine Sondergruppe, da sie noch autonomer arbeiten.“

„PULS.“: „Ihr Projekt „Landpartie“ ist von der Presse begeistert aufgegriffen worden. Was verbirgt sich dahinter?“
H.-M. S.: „Mit der „Landpartie“ gibt es jetzt erstmals eine Möglichkeit für Studierende, in das Leben eines Landarztes hereinzuschnuppern.
In dem zweiwöchigen Praktikum in einer ländlichen Hausarzt-Praxis haben unsere Studierenden jetzt erstmals die Möglichkeit, nicht nur Arztpraxen im Rhein-Main-Gebiet sondern auch Landarztpraxen im Landkreis Fulda in Osthessen auszuwählen.
Die entstehenden Zusatzkosten wie An- und Abfahrt werden vom Landkreis Fulda übernommen.
Zusätzlich lädt der Landkreis die „Landpartie“-Studierenden zu einer Reihe von Events ein, durch die sie den Landkreis besser kennen lernen können. Eine spätere Weiterbildung in Kliniken und Praxen des Landkreises Fulda wird bei Interesse unterstützt, ist aber keine Voraussetzung für die Teilnahme.
Die Reaktionen der Studierenden sind bisher sehr positiv ausgefallen. Um den Erfolg insgesamt beurteilen zu können, führen wir aber zusätzlich eine wissenschaftliche Evaluierung durch. Erst nach deren Auswertung können wir letztendlich beurteilen, ob der Schnupperkurs ein guter Anreiz ist und wie wir die Arbeitsbedingungen der Landärzte noch weiter verbessern können.“

„PULS.“: „Ist denn die medizinische Versorgung in ländlichen Bereichen wirklich so problematisch, wie es in den Medien dargestellt wird?“
H.-M. S.: „Ja, leider stimmt es. Diese Situation wird sich in den nächsten Jahren sogar noch deutlich verschärfen: viele der Landärzte werden dann in den Ruhestand gehen. Schon jetzt ist ein erheblicher Prozentsatz der Landärzte über 60 Jahre alt. Zurzeit geht die kassenärztliche Vereinigung davon aus, dass die Landärzte bis zum 68. Lebensjahr arbeiten, darauf basieren die Zahlenmodelle. Viele Landärzte gehen aber schon mit 65 in den Ruhestand, dadurch wird die Versorgungslücke noch größer.
Schon jetzt sind nicht alle Bereiche gut versorgt. Das liegt auch daran, dass die kassenärztlichen Vereinigungen die niedergelassenen Ärzte in einem Landkreis  zählen und keine Daten darüber haben, wie deren Verteilung in (Kreis-) Städten und ländlichen Regionen, Dörfern ist. Es kann durchaus sein, dass in einer Kleinstadt innerhalb des Kreises mehrere Arztpraxen sind und in den umliegenden Dörfern gar keine mehr.
Ich bekomme manchmal Anrufe von Bürgermeistern, die mich verzweifelt fragen, ob wir nicht jemanden haben, der die verwaiste Arztpraxis übernehmen möchte. Manche Gemeinden sind schon verzweifelt. Im Landkreis Fulda haben die Kommunalpolitiker selbst die Initiative ergriffen und gemeinsam mit uns das Projekt „Landpartie“ konzipiert.“

„PULS.“: „Wie wird sich die Arbeitssituation der Landärzte durch die demographische Entwicklung verändern?“
H.-M. S.: „Durch die Alterung der Bevölkerung wird es weiterhin zu einer erhöhten Multimorbidität kommen. Die kassenärztliche Vereinigung hat bereits jetzt darauf reagiert, in dem sie die Kennzahl für Hausärzte jetzt niedriger angesetzt hat, als noch vor einigen Jahren. Das bedeutet, dass jeder Hausarzt für weniger Patienten zuständig ist.“

Lesen Sie morgen Teil 2 des Interviews.

 

Bettina Wurche

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