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Ethik: Anatomy ad absurdum (Leserbrief)

„I will now open the skrotum“ – Raunen und Stöhnen im Publikum. Zoom auf den eröffneten Hodensack. Der Samenleiter wird freigelegt und die Testes mit einem spitzen Messer eröffnet. Schwenk ins Publikum: Männer fühlen mit, Frauen halten sich die Hand vor den Mund.
Doch die Zuschauer sind keineswegs Medizinstudentinnen und –studenten, nein, jeder kann sich Gunther von Hagens neue Serie „Anatomy for Beginners“ auf  “YouTube” oder der Website des englischen Senders “Channel 4″ ansehen.

Unter dem Motto der öffentlichen Aufklärung („public enlightenment“, wie auf der Website des Senders zu lesen ist und doch sehr an die Zeit erinnert, in der es noch britischen Busch gab), werden in den Teilen Movement, Circulation, Digestion und Reproduction Leichen seziert. Prof. John Lee, britischer Pathologe und Dr. Gunter von Hagens, der bekannte „Alles-und-Jeden-Plastinator“ aus Heidelberg, bewegen sich meiner Meinung nach knapp am Rande des guten Geschmacks, wenn sie als Duo à la Siegfried und Roy das Publikum in die Welt der Hochglanzanatomie führen.

Öffentliche Sektionen sind natürlich nichts Neues. Auch die in ihnen vermittelten Inhalte haben sich nicht geändert. Was sich geändert hat, das ist der Begriff der Öffentlichkeit. Wer sich diesen Videos aussetzt, der kann das tun, wann und wo immer er will – während des Mittagsessens in der Kantine, auf dem Heimweg in der Bahn oder abends vor dem Schlafengehen. Bevor man verstanden hat, welche Bilder sich vor einem entwickeln, steckt man mittendrin. Und dann ist es zu spät. Kein Nachfragen möglich, nur das verzweifelte Tippen in die Kommentare bleibt: „mustn’t it be smelling like hell?“ (SuuzieQ), „this yellow stuff under the skin is fat?“ (Heron 700) oder: „is that a real body?“ (droid4D). Will man solche Reaktionen als erfolgreich gewecktes Interesse werten, so sieht man sich einer Flut von unreifen und unangebrachten Kommentaren gegenüber, die sich mit den gezeigten Genitalien, dem zugegebenermaßen schlechten Englisch von Hagens und seinem Hut beschäftigen.

Alles andere als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Thematik also. Woran fehlt es?
Es mangelt an Plastizität. So oft man auch Stop und Play drücken mag, so nah wie möglich man heranzoomt, es verschließt sich vor einem die Möglichkeit, zu begreifen. Kein 3D-Effekt kann ausgleichen, was z.B. ein Präpariersaal einem ermöglicht.
Der Präpariersaal – die heiligen Hallen der Anatomie. In grelles Licht getauchte Metalltische, das ständige Brummen der Luftabzüge, der unverkennbare Duft der Fixierlösung. Hier verbringt der frischgebackene studiosus medicinae den Teil seines Studiums, den er am meisten mit Geschichten ausschmückt und ihn seit Generationen – unnötigerweise – mystifiziert. Seltsam, dass niemand vor seinen Freunden mit seinem ersten Tag im Biochemie-Praktikum angibt – aber das ist eine andere Geschichte.
Nun, tatsächlich ist der Präpariersaal ein Ort, an dem mit Leichen gearbeitet, gelehrt und gelernt wird. Doch der Sezierkurs steht nicht für sich. Man besucht eine Vorlesung, hat Theorieunterricht mit den studentischen Hilfskräften und vor allem wird man am Ende geprüft. Die Neugier auf den Leichnam ist also nicht die alleinige Triebfeder für die Beschäftigung mit der Materie.
Zurück also zu von Hagens.

Wer im Apple-Zeitalter den Alleinunterhalter an der Leiche mimt (auf seiner Website beschreibt von Hagens sich als „öffentlicher Erlebnisanatom und Aufklärer eines Massenpublikums“), muss sich die Frage stellen, ob er nicht Gefahr läuft, den menschlichen Körper zu bagatellisieren – eine Art i-Body zu schaffen.
Ein modernes Theatrum Anatomicum muss sogar die neuen technischen Möglichkeiten nutzen. Meiner Meinung nach allerdings ohne dabei Inhalte ins Netz zu katapultieren, die völlig unkontrolliert auf ewig in den Weiten der Datenautobahnen umherschwirren. Das Problem dabei ist, dass die uns Menschen innewohnende Schaulust und Sensationsgier gerade nach solchen Videos lechzen. Doch handelt es sich dabei nicht um profundes Interesse an der Struktur des menschlichen Körpers, sondern um die Lust am Anblick eines eröffneten toten Menschen. Schlimmer wird dieser Eindruck noch dadurch, dass der „Erlebnisanatom“ von Hagens eher wie ein Metzger denn wie ein Anatom vorgeht. Da wird einem Mann die ganze Haut in einem Stück abgezogen und neben ihm auf einen Ständer gehängt. Oder eine eingefrorene Frau in Bauschaum eingelegt und mit einer Riesensäge sagittal in Scheiben geschnitten – „Darf’s ein bisschen mehr sein?“. Ein Mann wird mit einer Tracheotomie versorgt und während die beiden Lungenflügel sich aus dem eröffneten Brustkorb drängen, verkündet der glückliche Arzt, dass, wenn die Person nicht schon tot wäre, er ihr gerade das Leben gerettet hätte.
Kein Hauch von Filigranität, kein Eindruck von Strukturen, die sich bis ins Mikroskopische hinein fortsetzen, entsteht, kein Gefühl dafür, wie fehlerfrei wir aus einem Haufen Zellen zu dem Haufen Organen werden, den wir Homo sapiens nennen.

So gefährdet die Serie „Anatomy for Beginners“ etwas, was Grundlage dafür ist, dass wir uns nicht mehr einfach auf freiem Feld die Köpfe einschlagen – eine gewisse Ehrfurcht, ja, Respekt vor unserer eigenen Anatomie.

Martin Mendel (Frankfurter Medizinstudent)

 

 

 

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